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am 15.11.2020 von Philipp Brumhard

Corona-Strategie statt Notverordnung: Schweiz und Schweden als Vorbild?

Strategie statt Notverordnung - Schweiz und Schweden als Vorbilder

Sind Schweden und Schweizer die Vernünftigen und wir die Traumtänzer?

In einem aktuellen Klima von selektiven Informationen und taktischen Zuspitzungen erfahren wir selten mehr als Polemik über Schweden und nur versprengte Schreckensmeldungen über die Schweiz. Eine echte Auseinandersetzung mit diesen Alternativen zum alternativlosen Lockdown wird in der deutschen Medien kaum diskutiert. Es scheint: Die Deutschen sollen Disziplin halten, solidarisch sein und mittragen. Das ist das Gebot der Stunde. Kritische Reflexion und anzweifeln gelten aktuell eher als (ver)störend. Wer über Alternativen nachdenkt und das offen ausspricht, gilt schnell als Verweigerer und vielen auch als „Covidiot“.

Ist die Schweiz ein Volk von Covidioten?

Wer alternative Wege geht, das sind die Schweiz und Schweden. Doch beide Länder wollen sich nicht so recht zu Covidioten eignen, weder die nüchternen Schweizer noch die unterkühlten Schweden. Beide Länder gelten als ausgesprochen vernunftorientiert. Könnte es dann sein, daß es zum ewigen Lockdown doch eine Alternative gäbe? Wagen wir den Blick über den Nachbarzaun, auch wenn es verstörend ist und geeignet ist, den deutschen Konsensfrieden zu stören.

👉 Der Autor des Artikels, Soziologe Peter Tümmers von Schoenebeck kritisiert das Vorgehen der deutschen Regierung und stellt die Wissenschaftlichkeit infrage. Zugleich befürwortet er Maske, die AHA-Regel und die Suche nach einem Impfstoff. Doch sind dauerhafte Notverordnungen als Lösung für ein Land mit der Ressourcenausstattung wie Deutschland zu dürftig und auf Dauer nicht verantwortlich.

👍 Alternativen liegen vor

Während bei uns Lockdown und damit Sportverbot herrschen, gelten in der Schweiz nicht Sorglosigkeit, aber differenzierte Regeln:

Aus einer Mail der Bodenseearena Kreuzlingen-CH vom 03.11.2020 an eine Allgäuer Eislauftrainerin:

*****************************

Hallo Frau Maier,

Gerne können sie unter folgendem Link direkt freie Eiszeiten anfragen. (..) Pro Stunde sind mindestens 3 Läufer à CHF 13.- nötig um Patch-Eis buchen zu können. Andernfalls wäre es natürlich auch möglich alleine für CHF 39.- eine Stunde zu belegen.

Wichtig: Bei uns besteht momentan eine Personenobergrenze von 15 Personen bei Kindern über 16 Jahren. Unter 16 Jahren dürfen so viele wie möglich aufs Eis.

Besten Dank.

Freundliche Grüße

Bodensee-Arena / Geschäftsleitung

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Hier zeigt sich die Differenzierung in Schweizer Corona-Ansatz, gelten unter 16-Jährige doch wissenschaftlich gesichert als gering infektiös und nicht gefährdet. In der Schweiz gelten differenzierte Konzepte, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Gleichermaßen wird auch die Gastronomie differenziert betrachtet und bleibt vor dem Hintergrund der – auch bei uns unstrittigen - Studien, wonach nur 2-3 % der Ansteckungen in der Gastronomie stattfinden, geöffnet.

Statt „On-und-off-Maßnahmen“ mit Alarmismus agiert das Land mit einer Langfriststrategie, denn Corona wird uns – Maske hin, Impfstoff her – lange erhalten bleiben. Wer mit dem R-Faktor rechnen kann und sich mit Pandemien beschäftigt hat, kann das wissen.

Auch in Schweden gibt es keinen Lockdown. Auch hier herrscht keine Sorglosigkeit, und schon gar kein „Laissez-faire“, wie deutsche Medien in Unkenntnis der schwedischen Kultur stetig wiederholen. Die Bevölkerung steht wie in der Schweiz in Ernsthaftigkeit zusammen. Aber eben nicht in Angst und Schrecken wie in Deutschland, wo allabendlich mit bangem Zittern den neuen Infektionsrekorden entgegengefiebert wird; vielmehr schon seit Mai mit der unbequemen Überzeugung, daß dies ein langer Anpassungsweg zur Coexistenz mit Covid-19 werden wird.

Deutsche Kontroll-Utopien statt Realismus

Während die politische Elite in Deutschland immer noch Utopien nachhängt und sich dabei mit einem Teil der Wissenshaft in einem Schulterschluß der dramatisierenden Mahner gefunden hat, weiß man in Schweden und der Schweiz nüchterner zu rechnen und traut der Bevölkerung auch zu, das Unvermeidliche mitzutragen statt Kontrolle vorzutäuschen, die es nie gab. Masken und irgendwann auch Impfstoffe helfen zu verzögern und abzumildern, verhindern aber nicht.

Während wir Deutschen uns täglich medial an furchteinflößenden Bildern aus spanischen Notaufnahmen und brasilianischen Slums aufreiben, schweigen die deutschen Medien lautstark zu unseren Nachbarn Schweiz und Schweden, die uns in Ressourcen und Sozio-Geographie viel ähnlicher sind. Dabei ist deren Situation nicht schlechter als unsere. In beiden Ländern liegt zudem die Zustimmung der Bevölkerung zur Coronapolitik bei über 85%.

👉 Beide Länder haben keinen Lockdown.

👉 Außerdem keine kalte Klassenzimmer mit maskierten Kindern

👉 keine Kollektivquarantänen

👉 keine Sperrstunde

👉 kein Gastro- und Sportverbot

👉 keine Corona-Polizeikontrollen

👉 keine Demos gegen die Corona-Politik

👉 keine Diskussion um die Unverletzlichkeit der Wohnung

👉 kein Aufruf zum Denunziantentum

👉 keine traumatisierten Kinder, denen täglich suggeriert wird, eine tödliche Gefahr für die Großeltern zu sein

👉 keine Bundewehr im Innern

👉 keine eilig rekrutierten Hilfspolizisten und Quarantäne-Nachverfolger.

Die Frage drängt sich auf: Sind die Schweden und die Schweizer verrückt geworden? Oder ist dort das Covid 19 ein anderes, freundlicheres?

Denn Schweden und Schweiz handeln differenziert in einer Lage, in der laut Kanzlerin Merkel und den 16 Ministerpräsidenten ein Lockdown aus wissenschaftlicher Sicht unabdingbar ist. Nun gilt die Schweiz nicht als wissenschaftsfremd. Und der Schweizer neigt von seinem Naturell her weder zum Esoteriker noch gilt er als demofreudig. Nach gesicherten Erkenntnissen soll die letzte regierungskritische Demonstration auf Schweizer Boden im Jahr 1307 stattgefunden haben, als man die dominanten Habsburger, ursprünglich ein Schweizer Adelsgeschlecht, aus dem Land ins heutige Österreich jagte. Seither herrschen in der Schweiz Konsens und Frieden. Der Schweizer eignet sich also weder zum Covidioten noch zum Corona-Leugner.

Der Schweizer gilt als übervorsichtig, doch nicht als überängstlich. Für die Schweden gilt Ähnliches. Ein langer gesellschaftlicher Konsens hat selbstbewußte Gemeinwesen entwickelt. Während die deutsche Führung und Teile der wissenschaftlichen Elite mit dem zweiten Lockdown zu einem drastischen Ergebnis ohne Alternative kommen, finden Schweden und Schweizer auf Basis derselben wissenschaftlichen Erkenntnisse zu völlig anderen Bewertungen. Wie kann das sein? Wo doch Schweizer und Schweden uns geographisch und gesellschaftlich sehr viel näher sind als Taiwanesen und Chinesen, die uns im ZDF ständig als mögliches Vorbild dargestellt werden.

❗️Merkel-Doktrin fördert Denkverbot

Die Merkel-Doktrin von der Zwanghaftigkeit des Lockdown hat eine fatale Wirkung. Das mag ihr als persönliche Überzeugung zugestanden sein, und im Rahmen der Richtlinienkompetenz steht ihr die Tonsetzung zu. Doch überspannt sie den Bogen ihres Amtes, wenn sie diese Richtung als aus wissenschaftlicher Sicht alternativlos bezeichnet. Denn in der logischen Folge sind alle, die alternative Lösungswege diskutieren, automatisch unwissenschaftlich oder gar im covidiotischen Spektrum anzusiedeln. Mindestens gelten sie als rücksichtslos und verantwortungslos.

Damit diskreditiert sie einen Problemlösungsdiskurs, der in Schweiz und Schweden, bei gleichen wissenschaftlichen Grundlagen, zu ganz anderen Ergebnissen kommt.

Die Auswirkungen dieser Merkel-Doktrin für die Debattenkultur in Deutschland sind verheerend: Die wie aufgeputscht agierenden Politiker Söder und Lauterbach argumentieren, aufgrund einer nationalen Notlage sollten Privaträume ihren Schutz vor polizeilichem Zugriff verlieren. So argumentieren Despoten. Die Paarung von polizeilichem Zugriff auf Privaträume einerseits und Söders öffentlich ausgesprochenen Aufruf zum Denunziantentum zwischen den Bürgern andererseits hat in Deutschland eine unselige Geschichte. In den 30er Jahren wurde damals das Amt des Blockwarts ins Leben gerufen. Aktuell undenkbar. Doch wenn die deutsche Verdrängungstaktik im Januar erneut ad absurdum geführt wird, was kommt dann?

Ein größerer Notstand? Mehr polizeiliche Rechte? Der Nachbar als Hilfssheriff?

Unsere Gesellschaft verändert sich schleichend. Schulkinder werden angehalten, anonym Mitschüler anzuschwärzen. „Du brauchst Deinen Namen nicht zu schreiben.“

Feiges Denunziantentum als Werte- und Erziehungsmuster im Interesse der nationalen Sicherheit. Der Zweck heiligt die Mittel. Nach der Bedrohung durch Covid nun der Nachbar als Bedrohung.

👉 Schweden und Schweiz differenzieren

Anders in Schweden und der Schweiz. Seit jeher integriert in die politische Gestaltung, organisieren sich diese beiden Volksgemeinschaften unaufgeregt. Sie machen dabei nicht alles richtig. Wenn Schweizer kritisch über den besten Weg diskutieren, titeln deutsche Zeitungen irrtümlich: „Schweiz uneinig“. Weil man das hierzulande nicht versteht. Allerdings sind die Erwartungen an Politiker in der Schweiz auch andere. Sie sollen hier nicht Garanten für ein risikofreies Leben sein, sondern die richtigen Rahmen setzen. Regierung und Bevölkerung arbeiten differenziert und integrativ zusammen. Regional unterschiedliche Regeln, an die jeweilige Lage angepaßt, werden hier begrüßt. Bei uns stiften sie Unruhe, weil sie das Deutsche Regulierungsbedürfnis überfordern.

Während wir hierzulande die Kontrolle über das Virus zurückgewinnen wollen (die wir nie hatten) und immer noch die magische Zahl von 50 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner fixieren, orientiert sich die Schweiz an der freien Intensivbetten- und Pflegekapazität.

Zitat aus der Pressekonferenz der Schweizer Corona Task Force vom 6. November belegt den realitätsorientierten Schweizer Ansatz:

„Das Ziel muß sein: Flatten the curve. Wir alle müssen mitarbeiten, um die Versorgungssituation in den Spitälern zu verbessern. Das Ziel ist und bleibt, eine Überbelastung der intensiven Pflegestationen zu verhindern."

Wissenschaftliche Logik oder Wunschdenken?

Wenn Merkel und Söder fordern, jeder Einzelne COVID-Infizierte müsse vermieden werden, und sich dabei auf das Grundgesetz berufen, auf den Art. 1 ‚die Würde des Menschen ist unantastbar‘, wissen sie sich im Schulterschluss mit Professor Drosten und dem ärztlichen Hippokratischen Eid: „…den Menschen bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht“. Dieser ethische Anspruch ist ehrbar und zweifelsohne ein hohes Ideal. Aber er ist ebenso unwissenschaftlich und als Ziel illusorisch.

👉 Immanuel Kant hilft in der Praxis nicht weiter

Werte wie Wahrhaftigkeit, Respekt, Menschenwürde setzen Rahmen, sind aber als praktische Handlungskonzepte ungeeignet. Seit Moses mit den 10 Geboten vom Berg Sinai herabstieg und seit dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant, sind Werte eine moralische Richtschnur, nie ein praktischer Handlungsplan. Dieser kann und muss auf einer Wertebasis erarbeitet werden, hat aber zugleich lebenspraktische Fakten zu berücksichtigen. Das ist nicht neu.

So sind wir uns einig, daß der Hungertod gegen die Menschenwürde verstößt, und trotzdem wir die Würde für unantastbar erklären, sterben Menschen an Unterernährung. Ethischer Anspruch und Lebenswirklichkeit sind nicht immer vereinbar. Mancher Anspruch ist utopisch. So auch die Idee, Covid 19 beseitigen zu können.

Wir verlieren in dieser Fixierung auf eine einzelne Gefahr das Gesamte und die Relationen aus den Augen. Von 100 mit Covid 19 intensivbehandelten Patienten verlieren 6-8 ihr Leben. Das ist schlimm. Bei mit Lungenentzündung sind es übrigens 8-14. Auch das ist schlimm. Von Krebs und multiresistenten Keimen ganz zu schweigen.

Es mag tatsächlich Angela Merkels hohem Pflichtethos geschuldet sein, dass sie aktuell auf Theorie statt Machbarkeit und Wissenschaftlichkeit setzt. Bei Söder würde man aufgrund seiner Biografie besser auf Taktik und Machtbewusstsein setzen. Bei vergleichbarer Notlage, so Söder im Bayerischen Landtag am 30. Oktober, würde er wieder am Parlament vorbeiagieren. Auch er beansprucht Pflichtgefühl und Ethik für seine Alleingänge, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Doch Macht braucht Kontrolle. Gerade in Krisen. Denn mit der Wahrhaftigkeit wird es schwierig, wenn sich Regierende auf Rettungskurs glauben. Der Zweck heiligt dann die Mittel. Zur Abwehr einer nationalen Notlage gelten pädagogisch motivierte Übertreibungen als zulässig.

Wenn die halbe Wahrheit dazu dient, Disziplin und Geschlossenheit zu erzeugen, wird daraus gern die ganze Wahrheit.

👉 Halbe Wahrheiten: Beispiel Markus Söder

„München ist ein Drittel größer als Stockholm, aber Stockholm hatte 16 Mal so viele Tote auf 100.000 Einwohner“, behauptete er während seiner Regierungserklärung am 30. Oktober vor dem Landtag. Der Corona-Hardliner stellte damit eine Falschbehauptung auf, denn auf den Faktor 16 kommt er nur, wenn er nicht Stockholm-Stadt, sondern die Region Stockholm mit München vergleicht. Und die hat 2,4 Millionen Einwohner, ist also nicht kleiner, sondern hat eine Million mehr Einwohner als München. Bayern liegt mit den restriktivsten Maßnahmen mit 21,2 Corona- Toten auf 100.000 Einwohner momentan an der Spitze aller Bundesländer und holt wie Gesamtdeutschland zu Schweden tagtäglich auf.

👉 Halbe Wahrheiten: Beispiel Angela Merkel

Der Verweis der Kanzlerin in ihrer Pressekonferenz vom 2. November, wonach Schweden wegen seiner weitläufigen Geographie kein Vorbild für Deutschland sein könne, muss angesichts ihrer Bildung als unwahrhaftig – oder im diplomatendeutsch: als „taktisch motivierte“ Aussage gelten.

Die Kanzlerin weiß, daß Schweden seine Strategie seit jeher auf den Großraum Stockholm ausrichtet, der mit 2,4 Mio Einwohnern mit Berlin vergleichbar ist. Der Urbanisierungsgrad Schwedens liegt mit 87 % um 10 % höher als der Deutschlands. D.h. trotz der endlosen Weiten Lapplands, leben die meisten Schweden doch in den drei großen Zentren. In der Alpenrepublik Schweiz, wo nur 43 % der Fläche besiedelbar sind, drängeln sich 8 Millionen Menschen.

Eine neugierig-aufrichtige Auseinandersetzung mit Schweden und der Schweiz findet bei uns nicht statt. Stattdessen wird der schwedische Chef-Virologe Anders Tegnell als fehlgeleiteter Mephisto geschildert, der seine Mitbürger im Würgegriff hält und sich vor Todesdrohungen zu fürchten hat. Dass die Zustimmung der schwedischen Bevölkerung seit Beginn des sog. Sonderweges von anfänglich 57 % auf aktuell 88 % gestiegen ist, bleibt meist unerwähnt. Auch aus der Schweiz erreichen uns allenfalls extreme Ausnahmesituationen, welche uns als repräsentativ geschildert werden. In Schweden und Schweiz ist nicht alles gut. Beide Länder agieren nicht perfekt und fehlerfrei. Gerade Schweden hat zu Beginn Fehler gemacht. Doch im Unterschied zu Deutschland machen beide Nationen erst gar nicht den Versuch, in einer unkontrollierbaren Lage die Illusion von Kontrolle und Macht zu erwecken. Beide Länder haben frühzeitig auf einen aktiven Lernweg mit differenzierten Methoden zusammen mit ihren Bürgern gesetzt.

👍 „Focused Protection“ statt „Heckenschere“

Dabei orientieren sich beide Länder an einem Konzept, welches unter dem Namen „Great Barrington Declaration“ bekannt wurde. Auch dieses Konzept ist nicht von wissenschaftsfremden Spinnern verfaßt, sondern von Medizinern der Universitäten Harvard, Oxford und Stanford; nicht die schlechtesten Adressen in der Wissenschaft. Sie warnen vor den gesundheitlichen und sozialen Kollateralschäden der Lockdown-Politik und empfehlen stattdessen:

Auszüge „Great Barrington Declaration“ (Universities Harvard, Oxford, Stanford)

...“Glücklicherweise wachsen unsere Erkenntnisse über das Virus. Wir wissen, daß die Gefahr, durch COVID 19 zu sterben bei alten und gebrechlichen Menschen mehr als tausendmal höher ist als bei jungen Menschen. Tatsächlich ist COVID 19 für Kinder weniger gefährlich als viele andere Leiden, einschließlich der Influenza. In dem Maße wie sich die Immunität in der Bevölkerung aufbaut, sinkt das Infektionsrisiko für alle – auch für die gefährdeten Personengruppen. Dies kann durch einen Impfstoff unterstützt werden, ist aber nicht davon abhängig. Unser Ziel sollte daher sein, die Mortalität und den sozialen Schaden zu minimieren, bis wir eine Herdenimmunität erreichen. Der einfühlsamste Ansatz, bei dem Risiko und Nutzen des Erreichens einer Herdenimmunität gegeneinander abgewogen werden, besteht darin, denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen, damit sie durch natürliche Infektion eine Immunität gegen das Virus aufbauen können, während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden. Wir nennen dies gezielten Schutz (Focused Protection). Die zentrale Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens in Bezug auf COVID-19 sollte die Verabschiedung von Maßnahmen zum Schutz von gefährdeten Personengruppen sein. Zum Beispiel sollten Pflegeheime Personal mit erworbener Immunität einsetzen und häufige PCR-Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern durchführen. Der Personalwechsel sollte minimiert werden. Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen. Wenn möglich, sollten sie Familienmitglieder eher draußen als drinnen treffen. Eine umfassende und detaillierte Reihe an Maßnahmen, darunter auch Maßnahmen für Mehrgenerationenhaushalte, kann umgesetzt werden und liegt im Rahmen der Möglichkeiten und Fähigkeiten des öffentlichen Gesundheitswesens.“

👉 Realismus als Basis des Handelns

Seit Frühsommer gelten diese Erkenntnisse in der Schweiz und in Schweden als wissenschaftliche Basis. Eben dass ein COVID Impfstoff nur unterstützten wird, und dass Pandemien immer früher oder später zu einer Durchseuchung der Bevölkerung führen. Das deutsche Paradigma, dass aufgrund der Werthaltung von Hippokrates und Kant jeder Einzelne vor einer Infektion zu schützen sei, gilt hier auch als wünschenswert -und zugleich als realitätsfremd.

👉 Politik ist die Kunst des Möglichen.

Bismarck prägte den Satz "Politik ist die Kunst des Möglichen." Möglich und daher verantwortungsvoll ist ein konsequenter Schutz und volle Ressourcenfokussierung auf die gefährdeten Bevölkerungsteile. Schweden hat zu diesem Zweck exklusive Einkaufszeiten für die ältere Bevölkerung eingeführt. Die Jungen leben ein weitgehend normales Leben, reduzieren dabei Infektionsrisiko und Vireneintrag mit AHA-Regeln, erhalten ihre Gesundheit und damit die Volksgesundheit, halten das Land wirtschaftlich stabil und sozial ausbalanciert. Zugleich wird mit Hochdruck an einem Impfstoff geforscht, nicht um - wie beim deutschen pseudowissenschaftlichen aber eigentlich ideologischen Ansatz (siehe Kant und Hippokrates) - Ansteckungen zu verhindern, sondern die Durchseuchung zu verzögern um damit die medizinischen Ressourcen nicht zu überlasten.

Wer wie Familienministerin Franziska Giffey seit April ein differenziertes Vorgehen mit besonderem Schutz der Risikogruppen als „Wegsperren der Alten“ bezeichnet, dem sei ein Strategie-Basisseminar empfohlen.

Nationale Kultur als strategische Limitierung

Vielleicht eignen wir Deutschen uns aber auch für den schwedischen oder schweizer Differenzierungsweg nicht. Vielleicht trauen wir und unsere Politiker uns das wechselseitig nicht zu? Ein interkultureller Blick in nationale Eigenheiten:

Schweden gilt als Konsenskultur (sozilogisches Fachwort: „High Context Culture“). Seit 1523 ein stabiles Staatsgebilde und ohne Unterbrechung eine Monarchie ohne politische Umstürze. Das prägt Gemeinschaftsgeist und intuitive Problemlösungen. Kurz formuliert: man versteht sich intuitiv. Ähnlich wie eine alte, eingesessene Wohngemeinschaft. In einer alten WG braucht es keinen Küchenplan und keine wechselseitigen Kontrollen. Statt Gesetze und Strafen genügen Vereinbarungen und Selbstverantwortung. So agieren – zum großen Unverständnis der Deutschen – die Schweden auch in der Corona-Krise. In Deutschland missversteht man das als „Laissez-faire“. Ähnlich die Schweiz. Seit 1648 territorial praktisch unverändert, politisch ohne Disruptionen stabil, gilt auch sie als High Context Culture. Starke Bindungskräfte sichern Gemeinschaftssinn.

"Typisch deutsch“ im Wandel?

Seit die Schweden 1523 ein stabiles Königreich sind und die Schweiz 1648 endgültig eigenständig wurde, wurden die Deutschen Länder als Spielball der europäischen Mächte vielfach zerlegt und wieder neu zusammengesetzt. Zuletzt zerlegte sich das Land 1945 auf spektakuläre Weise selbst. Deutschland ist daher eine sogenannte “Low Context Culture“. Wenig gilt als selbstverständlich. Alles muß stetig kleinteilig erstritten werden. Was so ein zusammengewürfeltes Konstrukt schlecht kann, ist Konsens. Findet man diesen mühsam, müssen die entstandenen Fliehkräfte gebändigt werden durch Kontrollen, Strafen und immer wieder den Appell zu Einheitlichkeit. Detailversessenheit, Obrigkeitsdenken und Regelverliebtheit sind gelernte deutsche Tugenden und kulturell über Jahrhunderte stabil verankert. (Kultureller Fachbegriff für Obrigkeitsdenken: „High Power Distance“). Dass auch Gebote und Eigenverantwortung - sog. „Low Power Distance“ – wie in der Schweiz und Schweden zu konsequenten Ergebnissen führen können, ist uns deutschen kulturell fremd. Was nicht mit Gesetzen, Kontrollen und Strafen belegt wird, kann nicht funktionieren – so denkt der Deutsche und hält das für normal. Während die Schweden emotional robust bleiben, streben wir Deutschen nach der totalen Kontrolle. Vielleicht können wir Deutschen uns - bei allem Respekt vor der Gefahr des Coronavirus - in diesem Herbst von den Schweizern und Schweden etwas mehr Souveränität und Gelassenheit abschauen.

Jede Krise bietet die Chance zur Veränderung. Die Schweizer wuchsen der Legende nach an der Befreiung von der Habsburger Dominanz. Vielleicht wachsen wir Deutschen an der Perspektivlosigkeit und Ohnmacht unserer Politiker aus dem Obrigkeitsdenken heraus und in ein gestaltendes Miteinander hinein. Quasi als Notbremse zum Zeitgewinn und zur Besinnung hätte der pauschale Lockdown des Novembers dann seine Berechtigung gehabt.

👉 Ob die Politik ab jetzt bereit ist, uns in einen langfristig gestaltenden Weg mitzunehmen, zeigt die sehr nahe Zukunft.

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Im Wasen 16
87544 Bihlerdorf
Deutschland

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