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am 20.11.2020 von Philipp Brumhard

Vertrauen auf Rezept? Impfstoff und deutsches Misstrauen: Hausärzte ausgebootet

Vertrauen auf Rezept? Impfstoff und deutsches Misstrauen: Hausärzte ausgebootet

Die Coronakrise wäre eine Chance für die Politik, altes Obrigkeitsdenken zu überwinden und Vertrauen aufzubauen. Noch nie war ein vertrauensvoller Schulterschluss zwischen Politik und Bürgern so wichtig wie jetzt.

Mit der Ausbootung der deutschen Hausärzte bei der Impfstoffvergabe wird eine wichtige Chance vertan und die Vertrauenskrise verschlimmert. (Quellen: Impfkommission RKI, Bundeministerium für Gesundheit).

👉 Der Soziologe Peters Tümmers von Schoenebeck beschäftigte sich schon mehrfach mit den soziologischen Hintergründen der Corona-Krise und verglich die vergleichsweise obrigkeitshörige deutsche Verbotspolitik mit der integrativen Politik der skandinavischen Länder oder der Schweiz. Länder, in denen die Bürgerbeteiligung in der Politik eine schon lange genutzte Ressource ist.

Wie funktioniert Vertrauen?
Vertrauen kann man nicht verordnen oder organisieren. Es wächst als Folge wechselseitig guter Erfahrungen in Beziehungen. Vertrauen wächst durch „Zutrauen“. Wer dem anderen etwas zutraut, der erntet Vertrauen. Es setzt dann eine wechselseitige Bestärkung ein, die emotional robust macht und durch Krisen trägt. In Deutschland ist es mit dem kollektiven Vertrauen schlecht bestellt. Wir sind historisch gesehen ein Volk von Skeptikern. Geschichte wird aber jeden Tag neu geschrieben. Gerade Krisen sind auch Sternstunden für den Wandel. Vertrauen ist in Krisen der Schlüssel zum Erfolg.

Doch die deutsche Politik traut ihren Bürger nicht. Wie sich abzeichnet, noch nicht einmal ihren Hausärzten. Laut aktueller Planung der Ständigen Impfkommission am RKI und des Gesundheitsministeriums sollen diese bei der Impfstoffvergabe ausgebootet werden. Die Botschaft der Politik: Misstrauen statt „wir ziehen alle an einem Strang“.

💉 Hurra, der Impfstoff kommt!

✅ Entwickelt von der Firma BioNTech eines türkischstämmigen Immigrantenpaars. Und entgegen aller Vermutungen mit 95 % Wirksamkeit. Soweit – so großartig.

❌ Der Haken: Lagerung bei minus 70 Grad Celsius. Eine einfache Schluckimpfung wird das nicht: 60 Impfzentren werden gerade bundesweit aus dem Boden gestampft, um die Vergabe zu organisieren. Der zweite Haken: Wer darf zuerst? Und wer soll, der vielleicht gar nicht will? Das ist nicht banal, denn der Deutsche ist im internationalen Vergleich ein Impfkritiker, etwa zu je einem Drittel dafür, unentschlossen, und dagegen. Impfen ist Vertrauensfrage. Und bei einem im Hauruck-Verfahren entwickelten Impfstoff ist die Vertrauenshürde für eine notwendige Massenimpfung von 60-70 % besonders groß.

👉 Nun können wir Deutschen vieles. Insbesondere Dinge, die man organisieren kann. Vertrauen gehört nicht dazu. Vertrauen muss wachsen. Während im zwischenmenschlichen Bereich tiefes Vertrauen meist eine Frage von Jahren ist, gelten es im gesellschaftlichen Bereich Jahrzehnte als Maßstab. Ein Kollektiv bewegt sich langsamer als ein einzelner Mensch.

Was den Impfstoff angeht, bahnt sich statt einer Vertrauensbildung ein Zuwachs von Obrigkeitskontrolle und Misstrauen an. So sollen die deutschen Hausärzte, wenn der Impfstoff kommt, bei der Attestierung der individuellen Impfberechtigung und Impftauglichkeit außen vor bleiben. Der Grund: Man traut den Hausärzten nicht, dass diese die vom deutschen Ethikrat definierte Priorisierung respektieren. Man fürchtet massenweise „Gefälligkeitsatteste“ in beide Richtungen: den eigenen Patienten Vorrang zu verschaffen oder diese vor einer amtlich verordneten – aber persönlich unerwünschten - Impfung zu bewahren. Die Bundesregierung fürchtet einen Verteilungskampf bei der Impfung, die sich über Monate, wenn nicht Jahre hinziehen wird. Geplant sind zunächst drei Impfwellen:

1. Gefährdete Risikogruppen (Alte und Vorbelastete)

2. Ambulante Medizin und Pflegebereich

3. Systemrelevanter öffentlicher Dienst (Polizei, Erzieher, Lehrer, usw.)

⚠ Erst in der vierten Welle folgt die Allgemeinheit, darunter die kontaktintensivste Gruppe der 20 bis 30-Jährigen. Erst durch die massenhafte Impfung dieser größten Gruppe wird sich die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Ein Faktum, das der deutsche Ethikrat als Urheber der Priorisierung offen nennt, die Politik aber aktuell nur defensiv bis gar nicht kommuniziert. „Für Weihnachten besteht Hoffnung“, allerdings wird es Weihnachten 2021 sein.

Die bestens ausgebildeten deutschen Hausärzte könnten in diesem sensiblen Thema eine wichtige Mittler- und Vertrauensfunktion erfüllen. Doch findet die deutsche Politik auch in der Krise aus Kontrollbedürfnis und Misstrauen nicht heraus. Stattdessen sollen die Berechtigungsprüfungen zentral vorgenommen werden. Statt funktionierende langjährige Arzt-Patienten-Kenntnisse, gewachsenes Vertrauen und vor allem vorhandene Ressourcen zu nutzen, zieht man staatliche Zentralkontrolle vor. Die ohnehin schon riesige, nationale Aufgabe der Impfstoffvergabe wird so zum Bürokratiemonster.

👉 Typisch deutsch: Vertrauen per Konzept

Dass Vertrauensaufbau angesichts von Demonstrationen, die nicht ausschließlich aus „radikalen Querdenkern“ bestehen, sondern durchaus auch aus besorgten Bürgern, unabdingbar ist, weiß auch die Politik. Doch diese versucht das Vertrauensdefizit lieber auf bewährte preußische Art zu lösen: durch Beauftragung eines zentralen Gremiums, des Deutschen Ethikrats. Dieser entwarf schon die Impf-Priorisierung in drei Wellen, und soll nun auch ein „Vertrauenskonzept“ entwerfen. Der Ethikrat soll ein Konzept entwickeln, wie Vertrauen in den Impfvorgang geschaffen werden kann. Kulturtypisch deutsch. Ohne ein Prophet zu sein: in der Schweiz würde das anders laufen. Dort würde man wohl, um Vertrauen zu stiften, bestehende Vertrauensverhältnisse und die breite ärztliche Fachkompetenz integrieren – kurz: das kompetente Gemeinwesen.

👉 Wie oben ausgeführt: Vertrauen kommt von Zutrauen. Während der ehemals deutsche Michel (das Klischee stimmt schon lange nicht mehr) längst aus seiner Haut heraus kann, schafft das seine Politikerkaste noch immer nicht. Der Vorgang erinnert an die Karikatur einer Paartherapie: „Die Beziehung wäre ja viel besser, wenn mein Partner sich nur verändern würde.“ Vertrauensaufbau fängt aber bei einem selbst an. Besser wäre daher von Seiten der Politik: Vorausgehen in der Vertrauensbildung, statt immer nur Appelle und Durchhalteparolen zu senden. Die ganze Wahrheit sagen, statt scheibchenweise Hoffnungen zu schüren und dann wieder zurückzunehmen. Einbindung und Differenzierung statt pauschaler Verordnungen. Luft zum Atmen organisieren statt Zuschütten mit Staatsgeld, das doch bei aller gönnerhaften Wirkung am Ende unser eigenes Geld ist.

💡 Vielleicht könnte der Ethikrat sich ja mit einer anderen Frage befassen: Durch welche Art von Maßnahmen und Kommunikation entsteht echte Augenhöhe zwischen Politik und Bürgern?

Artikel nachvollziehen: ARD Pressclub vom 15. November:
(Video verfügbar bis 15.11.2021)

https://www.ardmediathek.de/ard/video/presseclub/corona-impfstoff-und-schnelltests-entspannung-oder-harter-winter/das-erste/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTQxNWU0MmZmLTgxYjgtNDNkOS04MTcxLThjNGVlYzM3NmE2Ng/
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📎 Anhang

🔍 Interkulturelles Knowhow: Was bedeutet eigentlich „typisch deutsch“?
Seit die Schweden 1523 ein stabiles Königreich sind und die Schweiz 1648 endgültig eigenständig wurde, wurden die Deutschen Länder als Spielball der europäischen Mächte vielfach zerlegt und wieder neu zusammengesetzt. Zuletzt zerlegte sich das Land 1945 auf spektakuläre Weise selbst. Deutschland ist daher eine sogenannte “Low Context Culture“. Wenig gilt als selbstverständlich. Alles muss stetig kleinteilig erstritten werden. Was so ein zusammengewürfeltes Konstrukt schlecht kann, ist Konsens. Findet man diesen mühsam, müssen die entstandenen Fliehkräfte gebändigt werden durch Kontrollen, Strafen und immer wieder den Appell zu Einheitlichkeit. Detailversessenheit, Obrigkeitsdenken und Regelverliebtheit sind gelernte deutsche Tugenden und kulturell über Jahrhunderte stabil verankert. (Kultureller Fachbegriff für Obrigkeitsdenken: „High Power Distance“). Dass auch Gebote und Eigenverantwortung - sog. „Low Power Distance“ – wie in der Schweiz und Schweden zu konsequenten Ergebnissen führen können, ist uns deutschen kulturell fremd. Was nicht mit Gesetzen, Kontrollen und Strafen belegt wird, kann nicht funktionieren – so denkt der Deutsche und hält das für normal. Während die Schweden emotional robust bleiben, streben wir Deutschen nach der totalen Kontrolle. Vielleicht können wir Deutschen uns - bei allem Respekt vor der Gefahr des Coronavirus - in diesem Herbst von den Schweizern und Schweden etwas mehr Souveränität und Gelassenheit abschauen.

Jede Krise bietet die Chance zur Veränderung. Die Schweizer wuchsen der Legende nach an der Befreiung von der Habsburger Dominanz. Vielleicht wachsen wir Deutschen an der Perspektivlosigkeit und Ohnmacht unserer Politiker aus dem Obrigkeitsdenken heraus und in ein gestaltendes Miteinander hinein. Quasi als Notbremse zum Zeitgewinn und zur Besinnung hätte der pauschale Lockdown des Novembers dann seine Berechtigung gehabt.

👉 Ob die Politik ab jetzt bereit ist, uns in einen langfristig gestaltenden Weg mitzunehmen, zeigt die sehr nahe Zukunft.

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